Gesundheitscampus Wittstock – Eine Poliklinik de luxe
Das ukrb schließt eine Versorgungslücke – mit einem Modell für ganz Brandenburg.
Als das Krankenhaus in Wittstock seine Schließung ankündigte, war die Sorge in der Region groß. Heute steht fest: Wittstock wird nicht allein gelassen. Das ukrb – Universitätsklinikum Ruppin-Brandenburg baut gemeinsam mit seinen Partnern einen Gesundheitscampus in die ehemalige Tuchfabrik, der die medizinische Versorgung der Stadt und der gesamten Region langfristig sichert – und es handelt schnell: Noch bevor das Krankenhaus Ende 2026 schließt, ist eine erste Nachfolge organisiert.
Das KMG-Krankenhaus in Wittstock schließt zum 1. Januar 2027. Die Krankenhausreform des Bundes stellt neue Mindestanforderungen an Kliniken – der Wittstocker Standort mit nur zwei Fachabteilungen erfüllt sie nicht mehr. Kardiologie und Gastroenterologie werden künftig am KMG-Standort Pritzwalk weitergeführt. Das ist aber nicht das Ende der medizinischen Versorgung in Wittstock. Es wird ein Neuanfang.
674.000 Euro für eine Interimslösung – und ein einstimmiges Signal
Noch bevor der erste Stein in der Tuchfabrik bewegt wird, hat das ukrb gehandelt. Am 15. April 2026 beschloss der Aufsichtsrat der PRO Klinik Holding GmbH einstimmig: 674.000 Euro investiert die OGD Ostprignitz-Ruppiner Gesundheitsdienste GmbH, eine Tochtergesellschaft des ukrb, in ein Interims- Facharztzentrum an der Ackerstraße 14 – vollständig aus eigenen Mitteln, ohne Fördermittel. Das Geld fließt in medizintechnische Ausstattung, IT und Ersteinrichtung. Der Landkreis übernimmt für 95.000 Euro den Innenausbau sowie Parkplätze und Zuwegungen. Ab Mai soll das Gebäude – ein Landkreis-Objekt – für den medizinischen Betrieb umgebaut werden. Wenn alles nach Plan läuft, können Patientinnen und Patienten ab Oktober 2026 in vier Fachrichtungen vor Ort versorgt werden: Kardiologie, Gastroenterologie, Dermatologie und Neurologie.
ukrb-Geschäftsführer Alexander Lottis macht deutlich, was hinter diesem Schritt steckt: „Wenn ein Krankenhaus schließt, darf die Antwort nicht Schweigen sein. Wir haben gehandelt – gemeinsam mit dem Landkreis, schnell und mit klarer Haltung. Genau das ist regionale Verantwortung.“
Bürgermeister Dr. Philipp Wacker beschreibt, wie es dazu kam: „Die Errichtung des Interims-MVZ ist das Ergebnis der beiden Runden Tische, die wir in Wittstock zur Gesundheitsversorgung durchgeführt haben. Ich freue mich, dass es mit dem Landkreis und dem ukrb als starken Partnern nun gelungen ist, mit diesem Angebot die Zeit zu überbrücken, bis das MVZ in der ehemaligen Tuchfabrik Realität wird.“
Zulassung und Personal: Zwei zentrale Hürden sind noch ungeklärt.
Damit die Interimslösung aber überhaupt realisiert werden kann, muss die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB) zunächst die Gründung eines neuen MVZ genehmigen und darüber hinaus den Versorgungsbedarf in den relevanten Fachrichtungen anerkennen. Die Gespräche mit dem Zulassungsausschuss sind bereits aufgenommen. Parallel dazu müssen bis zur geplanten Eröffnung im Oktober 2026 geeignete Fachärztinnen und Fachärzte sowie das notwendige Assistenzpersonal gewonnen werden.
Das Projekt: Eine Poliklinik de luxe – in der historischen Tuchfabrik
Der Interimsstandort ist die Brücke – das eigentliche Ziel liegt am Walter-Schulz-Platz. In der denkmalgeschützten Tuchfabrik entsteht der ukrb Gesundheitscampus Wittstock: ein Facharztzentrum auf rund 4.000 Quadratmetern mit zwölf fachärztlichen Praxen, einem ambulanten OP-Zentrum, einem Herzkatheterlabor und einer Endoskopie-Einheit. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte können sich zusätzlich einmieten.
Das fachärztliche Angebot soll die Kardiologie und Angiologie, Innere Medizin, Orthopädie, Chirurgie, Neurochirurgie, Neurologie, HNO, Gynäkologie, Urologie sowie eine hausärztliche Praxis umfassen. Im Untergeschoss stehen zwei ambulante OP-Säle mit 14 Überwachungsplätzen und die Endoskopie bereit – Eingriffe, die bisher eine weite Anfahrt erfordern, sind künftig vor Ort möglich. Das ukrb rechnet nach der Inbetriebnahme mit rund 150.000 Patientinnen und Patienten pro Jahr. Betreiber wird die OGD Ostprignitz-Ruppiner Gesundheitsdienste GmbH – mit knapp 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an verschiedenen Standorten im Landkreis, 32 Facharztsitzen in drei Medizinischen Versorgungszentren und mehr als 200.000 ambulant versorgten Patientinnen und Patienten jährlich. In Wittstock ist die OGD bereits mit einem Medizinischen Versorgungszentrum aktiv – das ist der Ausgangspunkt für den Campus. 2025 wurde sie als eines der innovativsten Unternehmen Deutschlands ausgezeichnet.
Für Lottis war von Beginn an klar, dass das ukrb handelt: „Es ging immer um das ‚Wie‘, nie um das ‚Ob‘.“ Noch am Abend der Schließungsankündigung habe er mit Landrat Ralf Reinhardt telefoniert – und beide seien sich sofort einig gewesen. Reinhardt beschreibt die Stärke des Konzepts: „Vom ambulanten OP bis zu allen Facharztsitzen ist alles dicht beisammen. Das sind genau die Synergien, die wir brauchen.“
Er ist offen für weitere Partner: niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, möglicherweise auch eine kleinere Fachklinik.
27 Millionen Euro – und ein klarer Fahrplan
Das Land Brandenburg fördert den Bau mit rund 24 Millionen Euro: zwölf Millionen aus der Poliklinik-Förderrichtlinie des Gesundheitsministeriums, weitere zwölf Millionen aus der Städtebauförderung. Die Stadt Wittstock trägt drei Millionen Euro als Eigenanteil bei – voraussichtlich per Kredit. Bürgermeister Wacker berichtet von „positiven Signalen der Kommunalaufsicht“. Fertigstellung: 2030.
Wittstock und Neuruppin – ein großes Team
Die Praxen in Wittstock arbeiten als kooperierende Anlaufstellen des Integrierten Notfallzentrums (INZ) am ukrb Neuruppin – einem Zentrum, das jährlich rund 25.000 Akut- und Notfallpatienten versorgt. Wer in Wittstock Hilfe sucht, wird eingeschätzt und entweder direkt vor Ort versorgt oder gezielt nach Neuruppin weitergeleitet. Unnötige Fahrten entfallen, Wartezeiten sinken. Wer stationär behandelt werden muss, kommt nach Neuruppin – wer ambulant versorgt werden kann, wird künftig wohnortnah in Wittstock betreut. Chronisch Kranke können so dauerhaft in ihrer Region begleitet werden.
Notfallversorgung bleibt gesichert
Mit der Krankenhausschließung fällt auch die Rettungsstelle vor Ort weg. Längere Anfahrten bedeuten längere Abwesenheiten der Fahrzeuge. Der Landkreis reagiert: „Die Wege werden länger, deshalb müssen wir den Standort erweitern.“ Die Rettungswache Wittstock wird von zwei auf vier Rettungswagen ausgebaut – rund um die Uhr besetzt, ab dem dritten Quartal 2026. Die Notarztgestellung übernimmt das ukrb mit eigenem Personal – eine Zusammenarbeit, die ab 2027 dauerhaft organisiert wird.
Ein Modell mit Strahlkraft
Ex-Gesundheitsministerin Britta Müller nennt das Projekt ein „zukunftsweisendes Leuchtturmprojekt, das weit über Wittstock hinaus Strahlkraft entwickeln wird.“ Das Prinzip dahinter: Nicht jede Klinik kann alles – aber jede Region muss gut versorgt sein. Ambulante und stationäre Medizin müssen enger zusammenwachsen. Für das ukrb ist es kein Neuland: Das Facharztzentrum in Neuruppin zeigt seit 2022 mit 14 Praxen aus zwölf Fachrichtungen, dass das Modell funktioniert. Wittstock ist der nächste, größere Schritt. Landrat Reinhardt bringt es auf den Punkt: „Die Frage ist nicht, ob wir uns das leisten können. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, es nicht zu tun.“
Info: Der Gesundheitscampus Wittstock sucht Fachärztinnen und Fachärzte sowie medizinische Fachangestellte, die eine moderne, gut vernetzte Einrichtung mit aufbauen wollen – mit direkter Anbindung an das Universitätsklinikum Ruppin-Brandenburg und einem gesicherten Patientenstamm in der Region. Freie Sitze gibt es unter anderem in Hausarzt/Innere Medizin, Neurologie, HNO, Gynäkologie, Urologie und Augenheilkunde. Bewerbungen und Informationen unter www.ogd-neuruppin.de.
Quelle: Pro Klinik Holding GmbH, Mein Klinikum / Ausgabe 1 20 26
Bild zur Meldung: Gesundheitscampus Wittstock – Eine Poliklinik de luxe













